Würth Skulpturengarten: Eine Begegnung mit 34 Künstler:innen der Moderne

6 Minuten Lesezeit

Der Name Würth ist in der Region Hohenlohe in Süddeutschland nicht mehr wegzudenken. Der Schraubenkönig Reinhold Würth fängt in den 1970-er Jahren an Kunst zu sammeln und präsentiert uns heute mit mehr als 20’000 Kunstwerken an 15 Standorten in Europa eine der wertvollsten öffentlichen Privatsammlungen weltweit. Beim Hauptsitz des Unternehmens befindet sich in Künzelsau-Gaisbach (Nähe Heilbronn) befinden sich zwei Museen und ein Skulpturengarten. Letzteren besuchen wir heute.

Spiegelung von mir und Britta in der Welle
Frozen Wave, Marc Quinn, 2015, Sammlung Würth, eigene Aufnahme

Meisterinnen und Meister der zeitgenössischen Kunst

Im weitläufigen Würth Skulpturengarten begegnen wir dem «who’s who» der modernen und zeitgenössischen Kunst. Staunen erfasst mich beim Versuch einen Überblick über diese Anlage zu gewinnen. Über 70 Werke konnte ich bei meinem Spaziergang dort entdecken. Einige davon befinden sich nahe der Firmenzentrale, andere wurden um die beiden Museen herum aufgestellt. Der Würth Skulpturengarten verbindet somit alle Gebäude und lässt den Campus als Einheit erscheinen.

Bei meinem Besuch ist es sonnig und warm. Der Anblick ist eine Augenweide. Die «Frozen Wave» (The Conservation of Mass) von Marc Quinn begrüsst mich zusammen mit dem 2020 von David Chipperfield erbauten Museum Würth 2. Kein Prunkbau, sondern ein schlichtes Gebäude, das sich perfekt in die schwäbische Landschaft einfügt.

Die «Frozen Wave» von Marc Quinn fasziniert mich. Ich muss immer wieder um sie herumlaufen und die Spiegelungen darin betrachten. Sie verzerrt mich und die Landschaft. Plötzlich entdeckt man das grüne Gras darin und den blauen Himmel. Dann wieder sehe ich mich klar und scharf. Über 7 Meter lang und über 2.5 Meter hoch ist sie, geschaffen aus Edelstahl. Der Künstler stellt den Moment dar kurz bevor die Meereswelle zusammenbricht und sich über einen Sandstrand ergiesst. Plötzlich haben wir die starken Kräfte der Natur vor Augen und werden an unsere Vergänglichkeit erinnert. Ein förmliches Erstarren in der Bewegung.

eine gefrorene Welle aus Edelstahl, in der sich die Umgebung spiegelt
Frozen Wave, Marc Quinn, 2015, Sammlung Würth, eigene Aufnahme

Zugänglich für alle: Kunst zum Nulltarif bei Würth

Ich setze mich ins Gras und fühle mich als Teil des Ganzen. Ob Reinhold Würth dieses Erlebnis auch hat, wenn er durch seinen eigenen grossen Garten spaziert? Moderne und zeitgenössische Skulptur nimmt seit jeher einen besonderen Stellenwert innerhalb seiner Sammlung ein. Herrn Würth ist es wichtig, dass seine Kunst öffentlich zugänglich ist, quasi unter die Leute kommt. Deshalb ist der Eintritt in sämtlichen Museen gratis.

Als ich weitergehe, spiegle ich mich schon wieder und verpasse fast, dass es sich hier um Kunst handelt. Das Künstlerduo Elmgreen und Dragset hat auf dem Weg zwei Spiegel aufgestellt («Adaptation, Fig. 16») – fast wie ein Verkehrsspiegel, aber im Doppelpack. Das Museumsgebäude Würth 2 und die geschwungene Skulptur von Tony Cragg («Points of View») spiegeln sich wunderbar darin. Bei den drei monumentalen Figuren von Tony Cragg fühle ich mich beinahe versucht in Endlosschleifen darin herumzulaufen. Und plötzlich fühle ich mich wieder klein und unbedeutend (Tony Cragg hat übrigens in Wuppertal seinen eigenen Skulpturengarten, den ich unbedingt besuchen möchte).

Zwei Spiegel, in denen sich weitere Skulpturen im Skulpturenpark der Sammlung Würth spiegeln
Adaptation, Fig. 16, Elmgreen & Dragset, 2020, Sammlung Würth, eigene Aufnahme
Drei in sich gewundene, grosse Skulpturen aus Bronze, im Hintergrund: Ausstellungsgebäude der Sammlung Würth
Points of View, Tony Cragg, 2013, Sammlung Würth, eigene Aufnahme

Elend muss sich der in zwei Hälften geteilte «King Lear» fühlen von Alfred Hrdlicka. Ob wohl die hellen Farben seine Laune erheitern können? Ich laufe durch ihn hindurch und entdecke unweit einen wunderschönen Frauenkopf aus Bronze. Diese Skulptur einer Afroamerikanerin stammt von Helga Vockenhuber und heisst «La Nuova Eva».

in der Mitte gespaltene, auf dem Boden liegende, farbige Männerskulptur
King Lear, Alfred Hrdlicka, 1994, Sammlung Würth, eigene Aufnahme
Frauenkopf einer schwarzen Frau mit geschlossenen Augen und langen Haaren
La Nuova Eva, Helga Vockenhuber, 2012, Sammlung Würth, eigene Aufnahme

Lachen und Spielen: Skulpturen machen gute Laune

Dann stehe ich unvermittelt vor ihr, blau leuchtet mir ihr riesiger Körper entgegen – die «blaue, tanzende Nana» von Niki de Saint Phalle. Sie hatte mich schon vom Auto aus bei der Anfahrt begrüsst und ich konnte es kaum erwarten ihr zu begegnen. Als erstes fällt mir auf wie sauber sie ist: Keine Skulptur von Niki habe ich so knallig in Erinnerung. Auf Nachfrage hin wurde mir bestätigt, dass sie regelmässig konservatorisch gereinigt wird – wie alle anderen Skulpturen hier auch. Was für einen Unterschied das ausmacht! Ich liebe die voluminösen Frauenfiguren von Niki; sie schaffen einfach gute Laune.

Am Hauptbahnhof in Zürich hängt übrigens eine Nana an der Decke – ein Schutzengel für Reisende (Britta und ich haben Niki eine Podcastfolge gewidmet, höre gerne rein).

grosse, farbige Frauenskulptur
Blaue tanzende Nana, Niki de Saint Phalle, 1995, Sammlung Würth, eigene Aufnahme
grosse, tanzende Frauenskulptur
Blaue tanzende Nana, Niki de Saint Phalle, 1995, Sammlung Würth, eigene Aufnahme

Die Serie «The Bub» von Lun Tuchnowski besteht aus fünf Stühlen, die einen menschlichen Körper ohne Kopf und mit tierischen Füssen nachbilden. Das spornt mich an etwas herumzualbern und meinen Kopf auf den fehlenden Kopf zu setzen. Ein Windstoss erfasst mich und lässt meinen Blick zu den wunderbaren Apfelbäumen wandern, die um die Stühle herum in voller Blüte sind. Einfach magisch! Nebenan können wir von demselben Künstler die Skulptur «Pi» bestaunen.

Eine in sich geschlungene kreisförmige Skulptur mit zwei Seitenringen
Pi, Lun Tuchnowski, 2006, Sammlung Würth, eigene Aufnahme
Grosser Stuhl, der eine menschliche Körperform hat, aber tierische Beine
Sessel aus der Serie The Bub, Lun Tuchnowski, 2016-18, Sammlung Würth, eigene Aufnahme

Köpfchen gefragt: Kunst erleben mit Körper, Seele und Geist

Mit der poetisch angehauchten Skulptur «WE» des katalonischen Künstlers Jaume Plensa tauche ich förmlich in (m)einen Kopf ein. Es handelt sich um einen riesigen Menschenkopf, der aus Buchstaben besteht. Seine Installation regt an, uns mit unserer Sprache, unserer Spiritualität und den Lücken (das Unsichtbare) dazwischen zu beschäftigen. Das Logo von Würth lugt neckisch hinter der Skulptur hervor.

Menschlicher Oberkörper aus Buchstaben
WE, Jaume Plensa, 2009, Sammlung Würth, eigene Aufnahme

Zum Abschluss treffe ich noch einmal auf Marc Quinn – einen Künstler, den ich zuvor nicht kannte, dessen Werke mich in der Sammlung Würth aber in seinen Bann ziehen. Er hat eine riesige, weisse Muschel gefertigt. Auf der Rückseite könnte man sie mit einer Krabbenschere verwechseln. Sie glänzt mit der Sonne um die Wette. Passend dazu wurde der Titel «Essence of the Pearl» gewählt.

Foto zeigt die Muschel von vorne mit gedrehtem Gehäuse
Essence of the Pearl, Marc Quinn, 2022, Sammlung Würth, eigene Aufnahme
Foto zeigt die Muschel von ihrer gedrehten Vorderseite
Essence of the Pearl, Marc Quinn, 2022, Sammlung Würth, eigene Aufnahme

Geschmackssache: Es muss nicht alles gefallen

So viele Skulpturen gibt es in der Sammlung Würth zu entdecken. Es ist bereichernd und mir gar nicht möglich alle hier zu beschreiben. Das musst du schon selbst erleben! Doch bevor ich mich auf den Heimweg mache, ist ein Abstecher zum Museumseingang unumgänglich, denn dort stehen noch ein paar Schätze, die wir nicht verpassen wollen. Allen voran Skulpturen von Georg Baselitz! Der Künstler ist nur ein paar Tage nach meinem Besuch im Alter von 88 Jahren verstorben. Bei der Sammlung Würth stehen drei grosse bronzene Skulpturen von ihm beim Eingang – «Zero Dom», «Yellow Song» und «BDM Gruppe».

Witzig finde ich auch die golden bemalte Schaf-Ziege-Gruppe («Wegskulptur») von Heinrich Brummack. Sie spornt die Besuchenden dazu an auch die Kunst im Museumsgebäude zu entdecken – oder sich dort (wie ich) bei Kaffee und Kuchen auszuruhen.

grosse, weisse Muschel, Foto zeigt die Muschel von unten
Essence of the Pearl, Marc Quinn, 2022, Sammlung Würth, eigene Aufnahme
Goldene Ziege auf pyramidförmigem Sockel beim Eingang der Sammlung Würth
Wegskulptur Ziege, Heinrich Brummack, 1998, Sammlung Würth, eigene Aufnahme

Es war ein gelungener Nachmittag und ich gehe erfrischt von dannen. Die beiden Museen werde ich morgen besuchen. Ich finde es immer wieder aufs Neue spannend, wie manche Werke mich sofort fasziniert haben; während ich bei anderen mehr oder weniger daran vorbeispaziert bin. Hätte ich länger verweilen sollen?  Doch der Würth Skulpturengarten ist gross und irgendwann ist selbst ein Kunst-Nerd müde. Mit einigen Werken konnte ich nichts anfangen. Würde hier eine Erklärung helfen? Oder ein längeres Hinsehen? Vielleicht. Aber vielleicht ist es auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Mehr Lust auf Kunst? Gross, grösser… Sammlung Würth

Möchtest du mehr erfahren, so bietet die Sammlung Würth einen Besucherguide an. Die App dazu kannst du downloaden. Für den Würth Skulpturengarten gibt es einen übersichtlichen Flyer (inklusive Lageplan der Skulpturen). Nun kann sogar ich mich nicht mehr verlaufen.

Ich finde, die Fotos geben nur ansatzweise wieder, wie die Skulpturen wirklich aussehen. Einige Skulpturen der Sammlung Würth regen zum Denken an, mit anderen hat man Lust zum Experimentieren und wieder andere lässt man links liegen. So ist das mit der Kunst. Und die Kunst gibt es hier wie gesagt zum Nulltarif. Was heute in der Sammlung Würth zu betrachten ist, kann sich kaum ein öffentliches Museum leisten. Und für alle, die mit Kunst wenig am Hut haben und sich mehr für die technische Seite der Firma Würth interessieren, denen kann ich das «Museum für Schrauben und Gewinde» auf demselben Campus empfehlen.

Vordergrund: Edelstahl-Skulptur mit geschwungenem Schliff, Hintergrund: Ausstellungsgebäude der Sammlung Würth
Groundswell, Richard Deacon, 2020, Sammlung Würth, eigene Aufnahme

Ein gelungener Abschluss: Ich komme wieder

Ich verlasse das Areal und begebe mich zum Parkplatz. Wer wäre Würth, wenn er hier nicht auch Skulpturen aufstellen liesse. Ein goldenes Ei mit Füssen von Alfred Haberpointner («Gewichtung») lässt mich mit einem Fragezeichen zurück. Die goldene Ratte mit Fahne von Heinrich Brummack bringt mich zuerst zum Lachen; doch was hat der Titel «Pandora Tempel» auf sich? Die Lösung dieses Rätsels muss bis zum nächsten Mal warten. In der untergehenden Sonne leuchten die Skulpturen von Gertrude Reum auf dem Kreisel ganz wunderbar. Zufrieden lächelnd fahre ich in mein Hotel in Künzelsau zurück und begegne dort beim Eingang natürlich noch mehr Kunst – zwei Skizzen von Käthe Kollwitz; auch aus der Sammlung Würth.

Ein gelungener Tag geht zu Ende und ich finde mich wieder in der Vinothek bei einem Crémant und einer Käseplatte. Morgen geht es in die beiden Museen. Zuerst schaue ich mir die Ausstellung «Prinzip der Verwandlung» von Gertrude Reum an, die bis zum 8. November 2026 im Museum Würth zu sehen ist. Danach geht es in die Ausstellung «FOCUS- Neue Blicke auf die Sammlung Würth» im Museum Würth 2 (bis Frühjahr 2028).

Hase, der trommelt
Large Left-Handed Drummer, Barry Flanagan, 2006, Sammlung Würth, eigene Aufnahme
Drei in sich gewundene, grosse Skulpturen aus Bronze, im Hintergrund: Ausstellungsgebäude der Sammlung Würth
Points of View, Tony Cragg, 2013, Sammlung Würth, eigene Aufnahme

Zusammen mit Britta habe ich über die Sammlung Würth eine Podcastepisode aufgenommen: #32 – Die Sammlung Würth im FOCUS: 20’000 Kunstwerke, 500 Jahre Kunstgeschichte, 1 Sammler

Kennst du übrigens den Gastbeitrag von Britta über die Fondation Pierre Gianadda in der Schweiz schon?

Hier geht’s zu unserer Podcastfolge über Käthe Kollwitz, höre gerne rein.

Besucherinformationen:
Adresse
: Sammlung Würth, Reinhold-Würth-Straße 15, 74653 Künzelsau, Deutschland
Öffnungszeiten: Täglich 10:00 bis 18:00
Eintritt: Kostenlos

Bilder: Eigene Aufnahmen

 

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